Tobias: „Rette mich vor dieser Therapeutin“

Tobias: "Rette mich vor dieser Therapeutin"

Wenn Therapie weh tut – und trotzdem Hoffnung trägt

Heute Morgen hat Tobias Logopädie und Ergotherapie als interdisziplinäre Therapie. Das heißt: Beide Therapeut:innen arbeiten zusammen. So kann Tobias lernen, in der Bewegung lauter zu sprechen.

Beim Transfer ist das gar nicht so einfach, denn ihm fehlt noch die volle Rumpfkraft. Ich beobachte die Therapeut:innen. Die Ergotherapeutin greift ganz tief in die Muskulatur – das schmerzt sehr. Tobias beschwert sich ganz dolle.
Er ruft mir zu:
„Mutter, rette mich vor der Frau!“

Ich überlege, ob die Überstimulierung am Wochenende und auch am Montag etwas mit dem Schmerzzentrum zu tun hatte – eine Erinnerung aus 2021 und 2022. Ich würde am liebsten eingreifen, aber ich darf wohl nicht. Das Strecken und Dehnen muss schrecklich weh tun. Er jammert – und das bricht einer Mutter das Herz.

Zwischendurch frage ich mich, ob man bei Patient:innen wie Tobias überhaupt so viel Schmerz verursachen darf. Ich bin nicht die Expertin, also werde ich erst einmal vertrauen und Tobias gleich nach der Therapie emotional auffangen.
Nein – natürlich konnte ich nicht so lange warten.

Dann wäre ich wie die Proband:innen im Milgram-Experiment (Yale, Anfang der 1960er): Dort sollten „Lehrer“ auf Anweisung einer Autorität vermeintliche Stromschläge an einen „Schüler“ verabreichen – und viele drehten den Regler Stufe um Stufe höher. Nicht, weil sie selbst sonst den Schmerz hätten ertragen müssen, sondern weil sie folgsam waren, sich unter Druck gesetzt fühlten und von der Situation eingeschüchtert wurden.
(Ich hoffe, ich erinnere mich richtig.)

Ich bat unsere Therapeutin, den Schmerz herunterzufahren, mehr Sensibilität für Tobias anzuwenden – aufgrund seines entwickelten Schmerztraumas. Er hätte es wahrscheinlich auch ohne Drama ausgehalten. Aber es gibt keinen Grund, hier über Grenzen zu gehen.
Weniger ist in der Neurologie – meiner Erfahrung nach – oft mehr. 🙂

Klar ist: Wenn Tobias’ Muskulatur auf Druck und Bewegung besser anspricht, wird auch das Körpergefühl besser. Die Wahrnehmung ist in seinem Fall enorm wichtig. Warum?
Spüre ich den Arm oder die Finger nicht, dann weiß ich auch nicht, wie ich sie bewegen soll.

Ein Beispiel:
Ich fasse den Zeigefinger an der linken Hand an und frage Tobias, welchen Finger ich berührt habe. Tobias überlegt und sagt: „Kleiner Finger.“
Er nimmt die Berührung wahr – kann sie aber nicht zuordnen.
An der rechten Hand ist es kein Problem. Dort gibt es keine Wahrnehmungsstörung.

Wer von uns hat eigentlich eine vollständige Wahrnehmung seines Körpers?
Habt ihr euch schon einmal eine Minute lang über das Gesicht gestrichen – über die Wange? Probiert es aus. Fühlt es sich unangenehm an? Nein. Es fühlt sich ungewohnt an, aber gut. Es ist ein sicheres Gefühl.

Das sind wichtige Berührungen, damit wir unseren Körper spüren lernen. Wir sind so abgelenkt – von digitalen Geräten und von den Inhalten, die uns die Welt vermitteln möchte –, dass wir unseren Körper gern vergessen. Je mehr wir ihn wahrnehmen, desto mehr können wir uns selbst helfen, statt auf die Berührungen anderer angewiesen zu sein.

Mit den „anderen“ meine ich auch Therapien – sie sind so wertvoll. Und doch dürfen wir uns manchmal ein wenig mehr selbst vertrauen, unserem eigenen Körper. Denn es sind gezielte Bewegungen und Entspannung, die uns helfen, Baustellen aus dem Weg zu räumen.

Wenn Tobias seinen Körper stärker fühlen könnte, wäre es für ihn einfacher, sich selbst in eine bessere, bequemere Position zu bringen: sich zu strecken, zu dehnen, sich zu regulieren. Das ist unser langfristiges Ziel.

Und aus diesem Grund wird Schmerz in den Therapien wohl nicht immer vermeidbar sein – damit Tobias auf lange Sicht weniger Schmerz im Körper spürt.

Und was ist nun ein gutes Ende für diesen Blog?

Von nichts kommt nichts.
Trauma kommt zurück, wenn wir uns nicht mit uns selbst verbinden.
Wir sind gut, so wie wir sind.

Lasst euch helfen – und helft denen, die sich gerade nicht helfen können.
Sei nett zu dir selbst.
Vertraue dir und den Menschen in deinem Leben.
Vertraue dem Leben.

Alles Liebe
Katja, Tyler und Tobias