Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere a la Tobias
Was wir in den vergangenen Monaten über Pausen, kleine Schritte und die Kraft der Hoffnung gelernt haben
Es ist schon eine ganze Weile her, seit wir hier über Tobias und unseren gemeinsamen Weg berichtet haben. Nicht, weil nichts geschehen wäre. Ganz im Gegenteil: Die vergangenen Monate waren ereignisreich, lehrreich und manchmal auch ziemlich anstrengend. Vielleicht brauchten nicht nur Tobias’ Gehirn, sondern auch unsere Gedanken eine kleine Pause, bevor wir sie wieder in Worte fassen konnten.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Zeit war, dass Tobias unter einer deutlichen Neurofatigue litt. Sein Gehirn war erschöpft. Nicht einfach müde, wie wir es nach einem langen Tag sind, sondern tief erschöpft von den vielen Eindrücken, Therapien, Anforderungen und täglichen Anstrengungen.
Tobias bekam deshalb eine längst verdiente Pause.
Jeder Mensch braucht Urlaub. Jeder Mensch darf einmal nichts leisten müssen, keine Ziele verfolgen und keine Erwartungen erfüllen. Doch bei Tobias hatten wir dieses ganz normale Bedürfnis beinahe vergessen. Sein Alltag ist seit Jahren von Therapieplänen, Übungen, Arztterminen und dem Wunsch nach Fortschritten geprägt. Wir fragten uns häufig: Was können wir noch trainieren? Was könnten wir zusätzlich versuchen? Wo lässt sich noch eine kleine Übung einbauen?
Dabei hatten wir vergessen, auch einmal zu fragen: Wann darf Tobias einfach nur Tobias sein?
Ein junger Mann, der ausschlafen, Musik hören, lachen, fernsehen und einen Tag verbringen darf, an dem niemand etwas von ihm erwartet.
Diese Pause hat uns allen gutgetan. Sie hat uns daran erinnert, dass Erholung kein Stillstand ist. Gerade bei einem verletzten Gehirn kann eine Pause ein wichtiger Teil der Rehabilitation sein.
Zweimal Lindlar – und eine wichtige Erkenntnis
Tobias war in diesem Jahr bereits zweimal in Lindlar zur intensivtherapeutischen Logopädie. Er hat dort sehr gut mitgearbeitet, und die Aufenthalte haben sich ohne Frage gelohnt. Seine Sprache, seine Aufmerksamkeit und seine Fähigkeit, sich mitzuteilen, wurden intensiv gefordert und gefördert.
Gleichzeitig bemerkten wir, dass drei Wochen für Tobias vollkommen ausreichend sind. Gegen Ende wurde seine Müdigkeit immer deutlicher. Sein Gehirn konnte die vielen Übungen und neuen Eindrücke nur noch schwer aufnehmen.
Auch das war eine wichtige Erinnerung: Mehr Therapie bedeutet nicht automatisch mehr Fortschritt.
Ein Gehirn kann nur eine bestimmte Menge aufnehmen und verarbeiten. Irgendwann ist der innere Speicher voll – und anders als beim Computer hilft es nicht, energisch auf „Aktualisieren“ zu klicken.
Wir mussten wieder einmal lernen, nicht zu übertreiben. Fortschritt braucht Training, aber Fortschritt braucht ebenso Ruhe. Die Kunst besteht darin, das richtige Gleichgewicht zu finden. Wir sind noch dabei, diese Kunst zu erlernen.
Geduldige Therapeuten und Tobias’ sehr direkte Rückmeldungen
In Lindlar hatte Tobias viele wunderbare Therapeutinnen und Therapeuten. Sie waren geduldig, empathisch, energisch und fachlich sehr kompetent. Eigenschaften, die in der neurologischen Rehabilitation unglaublich wertvoll sind.
Therapie ist jedoch nicht immer angenehm. Besonders in der Physio- und Ergotherapie gibt es Momente, in denen Bewegungen anstrengend oder schmerzhaft sein können. Bei Tobias kommt hinzu, dass frühere Schmerzerfahrungen ein tiefes Schmerztrauma hinterlassen haben. Wird dieses berührt, setzt es viele Reaktionen in Gang.
Und dann kann Tobias sehr schnell auf einige Sätze zurückgreifen, die fest in seinem Sprachgedächtnis abgespeichert sind.
„Danke für nichts!“
„Du bist hässlich!“
„You are ugly!“
Oder auch sehr deutlich an mich gerichtet:
„Rette mich vor der Frau!“
Diese Sätze kommen inzwischen erstaunlich schnell und sicher. Man könnte sagen: Nicht jede sprachliche Verbesserung zeigt sich auf die Weise, die eine Mutter sich beim Aufnahmegespräch vorgestellt hat.
Ich bin dann häufig diejenige, die etwas verlegen zwischen Tobias und den Therapeuten sitzt und versucht, beiden Seiten gerecht zu werden. Einerseits kenne ich Tobias’ Schmerzen und Ängste. Andererseits weiß ich, dass Therapie nicht immer vollständig ohne Anstrengung oder unangenehme Empfindungen möglich ist.
Die Therapeutinnen und Therapeuten gehen damit beeindruckend ruhig um. Sie erklären Tobias, warum bestimmte Bewegungen notwendig sind, nehmen seine Gefühle ernst und zeigen ihm gleichzeitig, wo die Grenzen liegen.
Und ich stehe dazwischen und lerne weiter. Ich lerne Tobias’ Grenzen besser kennen, aber auch die Grenzen der Therapie. Ich lerne, wann ich ihn schützen sollte und wann ich ihm zutrauen darf, einen schwierigen Moment auszuhalten.
Bei aller Verlegenheit bin ich übrigens sehr dankbar, dass Tobias keine wirklich schlimmen Schimpfwörter benutzt. Seine derzeitige Auswahl reicht vollkommen aus, um seine Meinung unmissverständlich mitzuteilen.
Tobias stellt wieder Fragen
Eine der schönsten Entwicklungen der vergangenen Monate ist, dass Tobias endlich wieder häufiger Fragen stellt.
„Wo geht es hin?“
„Warum machen wir das?“
„Was passiert danach?“
Solche Fragen wirken im Alltag vielleicht selbstverständlich. Für uns sind sie etwas Besonderes. Sie zeigen, dass Tobias seine Umgebung wieder stärker hinterfragt. Er nimmt nicht nur hin, was geschieht, sondern beginnt, Zusammenhänge zu suchen, Entscheidungen zu verstehen und aktiv am Leben teilzunehmen.
Auch im kirchlichen Umfeld meldet er sich wieder. In der Sonntagsschule oder im Institut hebt er die Hand und versucht, eigene Gedanken einzubringen. Manchmal braucht es etwas Zeit, bis er seine Worte findet. Doch der Wunsch, sich zu beteiligen, ist wieder da.
Das berührt mich jedes Mal.
Lernen fällt Tobias weiterhin schwer. Neue Informationen zu verarbeiten und zu behalten, kostet ihn enorme Kraft. Sobald eine Aufgabe schwierig wird, versucht er deshalb manchmal, schnell aus der Situation zu entkommen. Plötzlich ist etwas anderes wichtiger, er ist müde oder die Aufgabe erscheint vollkommen überflüssig.
Ich versuche trotzdem, immer wieder vorsichtig anzuklopfen. Ohne ihn zu bedrängen, aber auch ohne jede Herausforderung sofort aufzugeben.
Natürlich fällt mir das nicht immer leicht. Als Mutter möchte ich Fortschritte sehen. Am liebsten deutlich, messbar und möglichst bis nächste Woche Dienstag. Aus meinem beruflichen Umfeld weiß ich jedoch sehr genau, dass große Ziele nur durch viele kleine Schritte erreicht werden.
Nun muss ich dieses Wissen im eigenen Leben anwenden – und bekanntlich ist die Theorie oft sehr viel geduldiger als eine Mutter.
Menschen gehen – und andere kommen hinzu
In den vergangenen Jahren haben wir einige alte Freunde verloren. Manche Kontakte verliefen langsam im Sand, andere Menschen konnten oder wollten unseren neuen Alltag nicht mittragen. Das hat wehgetan.
Gleichzeitig sind neue Freundschaften entstanden. Menschen sind in unser Leben gekommen, die Tobias so annehmen, wie er heute ist. Menschen, die nicht nur nach Fortschritten fragen, sondern sich über seine Witze, seine Fragen und seine ganz eigene Art freuen.
Wir haben gelernt, dass eine geschlossene Tür nicht nur Verlust bedeutet. Manchmal entsteht dadurch an einer anderen Stelle Raum für etwas Neues.
Das Leben geht weiter. Nicht immer in die Richtung, die wir geplant hatten, und selten in dem Tempo, das wir uns wünschen. Aber es geht weiter.
Und Wunder sind vielleicht gar nicht so selten, wie wir manchmal denken. Nicht jedes Wunder ist groß und spektakulär. Manchmal besteht es darin, dass Tobias eine neue Frage stellt. Dass er sich in einer Gruppe meldet. Dass ein Therapeut genau die richtigen Worte findet. Dass ein Mensch bleibt, obwohl der Alltag kompliziert geworden ist.
Dankbarkeit nach fünf Jahren
Wir sind sehr dankbar für alle Menschen, die uns in den vergangenen fünf Jahren begleitet haben.
Wir sind dankbar für unsere Krankenversicherung, die uns nicht im Stich gelassen hat. Dafür, dass wir nicht ständig um jede einzelne notwendige Unterstützung kämpfen mussten. Wir wissen, dass dies nicht selbstverständlich ist.
Wir sind dankbar für die Therapeutinnen und Therapeuten, die Tobias mit Geduld, Fachwissen und Menschlichkeit begleiten. Ebenso danken wir den Ärztinnen und Ärzten, die zuhören, nach Lösungen suchen und Tobias nicht nur als Diagnose, sondern als jungen Menschen betrachten.
Und wir sind dankbar für Freunde, Helfer und Wegbegleiter, die uns zur Seite stehen – manchmal durch praktische Unterstützung, manchmal durch ein Gespräch und manchmal einfach dadurch, dass sie da sind.
Hoffnung mit einer gewissen Hartnäckigkeit
Trotz aller Herausforderungen geben wir die Hoffnung nicht auf, dass Tobias durch seine harte Arbeit, durch Ausdauer und durch die richtige Unterstützung wieder mehr Selbstständigkeit gewinnen kann.
Natürlich gehört dazu eine kräftige Portion Hoffnung.
Unsere Hoffnung ist allerdings kein zartes Pflänzchen, das beim ersten Windstoß einknickt. Sie ähnelt eher einem sehr hartnäckigen Unkraut: Man kann darüberlaufen, es übersehen und gelegentlich sogar versuchen, es loszuwerden – aber kurze Zeit später wächst es an irgendeiner Stelle wieder durch den Asphalt.
Und vielleicht ist das auch gut so.
Wir wissen nicht, wie Tobias’ Weg weitergehen wird. Wir wissen nicht, welche Fähigkeiten zurückkehren und welche Grenzen bleiben werden. Aber wir wissen, dass wir weitergehen. Schritt für Schritt. Mit Pausen, wenn sie notwendig sind. Mit Humor, wenn der Alltag zu schwer wird. Und mit der Bereitschaft, auch kleine Fortschritte als das zu erkennen, was sie sind: bedeutende Erfolge.
Die Sonne geht jeden Morgen wieder auf. Ihr Licht fällt durch die Fenster und erinnert uns daran, dass Dunkelheit niemals alles einnehmen kann.
Jeden Tag verdrängt das Licht die Nacht aufs Neue.
Das ist der Gedanke, den ich weitergeben möchte: Auch wenn wir nicht jede Dunkelheit verhindern können, dürfen wir darauf vertrauen, dass wieder Licht in unser Leben fällt. Manchmal ganz leise. Manchmal nur durch einen kleinen Spalt in einer Tür, die sich gerade erst geöffnet hat.
Aber das Licht ist da.