Stolpersteine auf dem Weg
Stolpersteine im Weg
Der Wald, die Freiheit und Tobias
In meiner Kindheit bin ich unglaublich gern in den Wald spazieren gegangen. Es hatte für mich etwas Aufregendes, bei einem einzigen Spaziergang durch zwei Länder zu laufen. Auf der einen Seite war Deutschland, auf der anderen Frankreich. Ich wusste durchaus, dass es auf der französischen Seite manchmal Jugendliche gab, die nicht unbedingt das Beste im Sinn hatten. Und doch war da in mir dieses Vertrauen. Der Frieden im Wald war stärker. Wichtiger war mir ohnehin die Limonade, die ich mir „im Ausland“, nur dreißig Minuten zu Fuß von zu Hause entfernt, kaufen konnte.
Schon als Kind und später als Teenager fand ich im Wald etwas, das ich damals noch nicht in Worte fassen konnte. Ruhe. Weite. Die Nähe des Universums. Etwas Beschützendes, das mir Sicherheit gab. Es war, als ob dort oben zwischen den Bäumen und Feldern ein Ort auf mich wartete, an dem ich einfach sein durfte.
In diesem Wald haben wir Kinder ein Baumhaus gebaut. Im Winter sind wir mit Schneeschuhen, mit Skiern — wenn jemand welche hatte — oder einfach mit dem Schlitten die Hügel hinuntergefahren. Wir haben das alte, im Zweiten Weltkrieg zerbombte Schwimmbad besucht, das längst von Bäumen und Gebüsch überwuchert war. Heute gibt es diesen „Spielplatz“ nicht mehr. Damals war er für uns ein Abenteuerort, ein Stück Freiheit, ein Raum zum Erproben.
Es war eine unbeschwerte Zeit. Eine Zeit, in der man sich als junger Mensch noch langweilen durfte. Eine Zeit, in der man sich ausprobieren konnte, ohne dass alles sofort bewertet, begleitet oder abgesichert wurde. Gefahren gab es sicher auch damals, aber vieles wurde nicht als Gefahr gesehen. Heute bin ich dankbar für diese Freiheit. Dankbar dafür, so wenig Einschränkungen erlebt zu haben. Dankbar auch dafür, so nah an einem Wald aufgewachsen zu sein, in dem ich mich selbst finden durfte.
Die Aussicht von „meinem“ Wald, ganz oben am Rand der Felder, war traumhaft. Weit. Offen. Voller Möglichkeiten.
Und genau dort führt mich mein Gedanke oft hin, wenn ich an Tobias denke.
Ich frage mich dann, ob er genug Freiheiten hatte. Genug Gelegenheiten, sich zu entwickeln, auszuprobieren, innerlich weit zu werden. Das Leben zeigt sich oft schneller von einer anderen Seite, als wir ahnen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir jeden Tag bewusster annehmen sollten.
Als ich Tobias’ Leben einmal still für mich reflektierte, wurde mir klar, dass er — glücklicherweise und gleichzeitig auch herausfordernd — schon sehr viele Veränderungen erleben durfte und musste. Wir sind von den USA nach England gezogen. In England sind wir zweimal umgezogen. In Deutschland haben wir in seiner Kindheit ebenfalls zweimal den Wohnort gewechselt. Dann verbrachte er fast zwei Jahre als Missionar in Chile, bevor er später in den USA studierte.
Wenn ich heute darüber nachdenke, staune ich darüber, was sein Gehirn schon lange vor der Hirnblutung immer wieder leisten musste: sich anpassen. An neue Sprachen. An neue Kulturen. An andere Länder, andere Gegebenheiten, andere Menschen mit ihren Eigenheiten. Vielleicht war auch das eine Vorbereitung, ohne dass wir es wussten.
Denn ich merke heute, in diesem langen Heilungsprozess und in seinem täglichen Ringen um mehr Unabhängigkeit, dass ihm diese Erfahrungen geholfen haben. Tobias ist offen geblieben für Neues und für neue Menschen. Er hat gelernt, zu vertrauen. Uns zu vertrauen. Und Gott zu vertrauen, wenn die Stolpersteine zu groß werden und der Weg darüber unmöglich erscheint.
Diese Stolpersteine sind real. Seine Schmerzen hindern ihn sehr. Sie sind ein großer Stein auf seinem Weg. Die verringerte Energie ist eine weitere riesige Herausforderung. Und doch bleibt Tobias dran. Er gibt nicht auf.
Sein Gebet ist sein Anker geworden, seine Richtschnur. Vielleicht dürfen wir alle uns daran ein Beispiel nehmen. Wenn die Stolpersteine zu groß werden und unsere Kraft im Alltag nachlässt, die Augen nach oben zu richten — oder nach innen. Dorthin, wo die Hoffnung ihren Ursprung hat. Dorthin, wo diese stille, tragende Ruhe zu finden ist.
Tobias kommuniziert inzwischen deutlich besser. Er hat Humor. Manchmal richtet er sogar mich auf, wenn es nötig ist. Das Gehen üben wir weiterhin. Seine Rumpfstabilität ist besser geworden, und doch reicht es noch nicht ganz für freies und selbstständiges Gehen. Aber er kämpft tapfer weiter.
Und vielleicht ist das am Ende die Verbindung zu meinem Wald von damals: Freiheit ist nicht immer nur das unbeschwerte Loslaufen. Manchmal ist Freiheit auch das innere Wissen, dass man trotz Begrenzung weitergehen kann. Schritt für Schritt. Mit Hoffnung. Mit Vertrauen. Und mit dem festen Glauben, dass selbst dort, wo der Weg eng wird, noch immer Weite auf uns wartet.